5. September – 11. Oktober 2020

Alte Fabrik

EAT THE MUSEUM

Thirza Cuthand / Zuzanna Czebatul / Dorota Gawęda & Eglė Kulbokaitė / Vika Kirchenbauer / Taus Makhacheva / Anna Molska / Raúl de Nieves / Karol Radziszewski / Bea Schlingelhoff / Mikołaj Sobczak / Ramaya Tegegne / Viron Erol Vert / Evelyn Taocheng Wang / Emma Wolukau-Wanambwa

 

Die beiden Ausstellungen Poczet im Kunst(Zeug)Haus und Eat the Museum in der Alten Fabrik nehmen die bemerkenswerte und komplexe Geschichte des Polenmuseums (1870 gegründet) im benachbarten Schloss Rapperswil und dessen bevorstehende Schließung zum Ausgangspunkt. Die Doppelausstellung untersucht dabei die Logiken und Politiken des Ausstellens und Sammelns und hinterfragt zugleich die Vorstellung des Museums als neutralen, apolitischen und gewaltlosen Ort.

Das durch den emigrierten polnischen Grafen Władysław Broel-Plater (1808–1889) initiierte Polenmuseum im Schloss Rapperswil verkörpert seit seiner Gründung die Ambivalenzen kultureller Zugehörigkeit und Repräsentation im Kontext der modernen Nationalstaatlichkeit: Ursprünglich als wichtiger sozialer und kultureller Ort für die polnische Gemeinschaft in der Schweiz konzipiert, wurde das Museum zu einer Zeit ins Lebens gerufen, die von Fremdherrschaften, Teilungen und Aufständen in Polen geprägt war. Infolgedessen wurde das Museum nach dem Vorbild des Nationalmuseums des 19. Jahrhunderts modelliert, das der Konstruktion nationaler Identität, der Herrschaft des Souveräns sowie der Konzeption von Staatsbürgerschaft in sich formierenden liberalen Demokratien diente. Die unterschiedlichen Phasen, die das Museum im 20. und frühen 21. Jahrhundert durchlief, müssen als Spiegelbild und als Teilhabe an größeren politischen Rahmenbedingungen bedeutender historischer Wendungen verstanden werden. Diese schließt die Gründung der Zweiten Polnischen Republik, den Zweiten Weltkrieg, den Aufstieg und Fall des Kommunismus sowie die Installierung neoliberaler, neokolonialer und autoritärer Herrschaft mit ein. Nach seiner 150-jährigen Beheimatung im Schloss Rapperswil wird diese voraussichtlich Ende 2021 beendet. Dies lässt sich auf die Pläne der inzwischen fusionierten Gemeinde Rapperswil-Jona und deren Pläne, das Schloss unter der Zielsetzung von „Qualität vor Quantität“ neu zu inszenieren, zurückführen. Die Zukunft des Museums und seiner Sammlungen ist ungewiss.

Inspiriert von dieser lokalen Geschichte und aktuellen Debatte, untersucht die Ausstellung Eat the Museum die immer noch existierenden und hierarchischen Tropen traditioneller Kunst, Volkskunst oder jeglicher minoritärer Kunst und widmet sich der transnationalen Wichtigkeit der ständigen Neubewertung der normalisierenden, klassifizierenden, ausschließenden, kontrollierenden und regierenden Gewalt von Visualisierungspraktiken, die von Museen und anderen (Kunst-)Institutionen fortgeführt oder konstruiert werden.

Die Ausstellung hebt situiertes Wissen und verkörperte Praktiken hervor und widersetzt sich entschieden dem neoliberalen Zustand, seinen Auswirkungen auf kulturelle Institutionen sowie der allseitig wachsenden Fremdenfeindlichkeit. Sie vereint lokale und internationale Positionen, die mit einer Vielzahl von Medien wie Skulptur, Malerei, Video oder Installation arbeiten und ihre Gemeinsamkeiten in der Neuverhandlung und Neu-Imagination transnationaler Allianzen finden, die einer kollektiven, antifaschistischen Handlungsfähigkeit innerhalb und außerhalb von Institutionen dienen.

 

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The two interrelated exhibitions Poczet at the Kunst(Zeug)Haus and Eat the Museum in the Alte Fabrik Rapperswil take the exceptional and complex history of the adjacent Polenmuseum (Polish Museum) and its soon expected closure as a starting point to examine the logics and politics of exhibiting and collecting, and to call into question the conception of the museum as a neutral, apolitical, and non-violent space.

Founded in 1870 by Polish émigré Count Władysław Broel-Plater (1808–1889), the Polenmuseum in the Rapperswil castle came to epitomize the ambivalences of cultural belonging and representation within the framework of the modern nation-state ever since: initially conceived as an important social and cultural hub for the Polish migrant community in Switzerland, the museum evolved during a Polish era shaped by foreign rule, partitions and insurrections, and was modelled in the tradition of the 19th century national museum to display the construction of national identity, the rule of the sovereign and the formation of citizenship within emerging liberal democracies. The museum’s phases in the 20th and early 21st century must be understood as a mirroring of and partaking within a larger political framework of significant historical turns, including the establishment of the Second Polish Republic, the Second World War, the rise and fall of communism, and the installation of neoliberal, neocolonial, and authoritarian rule. After residing in the Swiss castle for 150 years, the museum’s residence is anticipated to be terminated by end of 2021—consumed by the interests of the now merged municipality Rapperswil-Jona and its plans to re-stage the castle, one of its aims being “quality before quantity”. The future of the museum and its collection remains uncertain.

Inspired by this local history and current debate and looking into the still-alive and still-hierarchical tropes of traditional art, folk-art, or any minoritarian art, the group exhibition Eat the Museum addresses the transnational significance of a constant re-evaluation of the normalizing, classifying, excluding, controlling, and governing violence of visualizing practices perpetuated or constructed by museums and other (art) institutions.

Highlighting situated knowledges and embodied practices and decidedly opposing the neoliberal condition and its impact on cultural institutions as much as the growing xenophobia, the exhibition unites local and international positions who work with a variety of media including sculpture, painting, video or installation, and find their commonalities in the re-negotiation and re-imagination of transnational alliances that serve a collective anti-fascist agency within and beyond institutions.